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Geschichte des Osteuropa-Instituts

Rückansicht des Osteuropa-Instituts München in der Scheinerstr. 11 (Institutsgebäude von 1959 bis 2007). Bild: Hermann Beyer-Thoma

Die Ära Hans Koch

Das Osteuropa-Institut (OEI) nahm am 1. Februar 1952 als außeruniversitäre Einrichtung, mit gemeinsamer Finanzierung durch den Freistaat Bayern und den Bund, in München seine Tätigkeit auf. Es verstand sich in recht unkritischer Weise als Erbe des gleichnamigen Breslauer Instituts, das von 1918 an bis 1945 bestanden hatte. Der erste Direktor in München, Hans Koch (1884–1959), hatte die Breslauer Einrichtung von 1937 bis 1940 geführt. Der protestantische, aus Lemberg gebürtige Theologe und Ostkirchenhistoriker Koch war nicht unumstrit­ten. Während des Zweiten Weltkriegs hatte er als herausragender Ukrainekenner wichtige, manchmal auch heikle Aufträge ausgeführt. Die Schwerpunkte, die er nun am Osteuropa-Institut setzte, entsprachen den Bedürfnissen der Zeit: Eingehend auf den weit verbreiteten Durst nach Informationen und weltanschaulicher Orien­tierung über die neue Lage im politisch und ideologisch geteilten Europa, verwandte er einen großen Teil seiner Zeit auf Vorträge über aktuelle Fragen. Die Forschungstätigkeit des Instituts diente dem Aufbau einer gesicherten Informationsbasis und zugleich der intellektuellen Auseinander­set­zung mit dem Sowjetmarxismus. Zu nen­nen sind besonders Nachschlagewerke wie das „Sowjetbuch“ (1957) und das Lexikon „5000 Sowjetköpfe“ (1959). Zum Höhepunkt von Hans Kochs Tätigkeit wur­de 1955 die Teilnahme als Berater an Konrad Adenauers berühmter Moskaureise. Aber auch die in Breslau als führendes Fachorgan insbesondere zur Geschichte Russlands etablierten „Jahrbücher für Geschichte Osteuropas“ wurden 1952 am Münchner Osteuropa-Institut neu begründet.

Als Standort für das Osteuropa-Institut war in der ersten Nachkriegszeit zunächst Kloster Prüfening bei Regensburg im Gespräch gewesen. Da es damals in Regensburg aber noch keine Universität und auch keine andere wissenschaftliche Infrastruktur gab, entschied man sich rasch für München, das in den Nachkriegsjahren zu einem Sammelplatz hochqualifizierter Osteuropaspezialist*innen geworden war und wo in der Folgezeit zahlreiche Institutionen entstanden, deren Aufgabe die Erforschung, aber auch die ideologische und propagandistische Bekämpfung der kommunistischen Welt war.

Vermehrte Ausrichtung auf sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Forschung

Im Übergang zu den Sechzigerjahren mehrte sich die Kritik an der „politischen“ Ausrichtung von Teilen der deutschen Osteuropaforschung, darunter auch des Osteuropa-Instituts. Die Sozialwissenschaften drängten allgemein in den Vordergrund, und es wurde eine engere Zusammenarbeit der Münchner Osteuropainstitutionen mit der Universität und untereinander gefordert; schon 1965 verlangte der Wissenschaftsrat sogar deren Zusammenschluss. Nach Kochs Tod und einem kurzen Zwischenspiel des Münchner Südosteuropahistorikers Georg Stadtmüller übernahm deshalb 1963 der Inhaber des neugeschaffenen Lehrstuhls für Wirtschaft und Gesellschaft Osteuropas, Hans Raupach, die Leitung des Instituts. Er begann sofort mit dem Aufbau der sozialökonomischen Abteilung, deren Gründung schon 1961 be­schlossen worden war. Dafür erhielt das Institut 1964 eine Ökonomenstelle und 1966 noch eine Stelle für eine Soziologin bewilligt. Beide Stellen wurden mit jungen Leuten besetzt, die noch nicht promoviert waren und die außerdem sofort mit viel Redaktionsarbeit überhäuft wurden. Daher kam die neue Forschungsabteilung anfangs nur mühsam voran. 1969 promovierte der Ökonom Heinrich Vogel und wurde daraufhin ständiger Stellvertreter des Direktors. Die Erfolge ließen nicht auf sich warten. Zusammen mit der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität München konnte das Institut das zweijährige Aufbaustudium Osteuropa-Wirt­schaft ins Leben rufen, für das die Stiftung Volkswagenwerk von 1964 bis 1970 eine „Anschubfinanzierung“ gewährte. Das von 1970 bis 1976 laufende DFG-Projekt „Einflussfaktoren im Wachstumsprozess der UdSSR unter den ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen der sowjetischen Industriegesellschaft“ setzte sich deutlich von der vorherrschenden „Ost­for­schung“ ab, indem es sich den allgemein anerkannten empirisch-statistischen Methoden der Sozialwissenschaft verpflichtet fühlte. Die Arbeit kulminierte in einem statistisch geschätzten makroökonomischen Modell der Sowjetwirtschaft, welches das erste seiner Art war. Diese Forschungen brachten dem Institut weitere befristete Forschendenstellen und weltweite Anerkennung. Als sichtbarer Ausdruck von Anspruch und Erfolg der noch jungen wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung kann die 1970 erfolgte Gründung der Fachzeitschrift „Jahrbuch der Wirtschaft Osteuropas“ gelten.

1976 ging Hans Raupach in den Ruhestand und sein bisheriger Stellvertreter Heinrich Vogel wurde ein Jahr später Direktor des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien in Köln. Unter dem neuen Führungsduo Günter Hedtkamp und Hermann Clement als seinem Stellvertreter – beide waren Wirtschaftswissenschaftler – erlebte das Institut eine lange Phase der Konsolidierung und des Ausbaus. Es gelang regelmäßig, beim Bundeswirtschaftsministerium ausreichend Forschungs- und Gutachtenaufträge einzuwerben. Einer der großen weiteren Erfolge war 1984 die Bewilligung des zusammen mit amerikanischen Partnern bei der Volkswagenstiftung beantragten Projektes „Deutsche in der Sowjetunion“, das der bald aufblühenden Forschung zu den Russlanddeutschen den Weg bahnte und zahlreiche Anschlussprojekte fand, die außer von der Volkswagenstiftung teilweise auch vom Bundesinnenministerium finanziert wurden.

Die Leitung der kleinen Historischen Abteilung des Instituts ging 1976 von Georg Stadtmüller an dessen Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Geschichte Ost- und Südosteuropas, Edgar Hösch, über. Dieser persönlich außerordentlich bescheidene, aber wissenschaftlich und organisatorisch höchst erfolgreiche Gelehrte verstand es sehr effizient, Drittmittel einzuwerben und seine Mitarbeiter*innen zu motivieren. Zusätzlich zu dem noch von Georg Stadtmüller mit Erfolg bei der DFG beantragten Forschungsprojekt „Das Russlandbild in der deutschen Parteipresse 1859–1870“ rief er den Forschungsschwerpunkt „Zwischen Demokratie und Volksdemokratie“ ins Leben, der den Zielen und der Politik der Verlierer in den Machtkämpfen der zweiten Hälfte der Vierzigerjahre gewidmet war. In diesem Rahmen wurden in den Achtzigerjahren mehrere Projekte zu Polen und Finnland erfolgreich zum Abschluss gebracht.

Bereits um die Wende zu den Neunzigerjahren erkannte Hösch die großen Möglichkeiten elektronischer Medien und später des Internets für die Weiterentwicklung der zentralen fachlichen Informations- und Dienstleistungsaktivitäten des Instituts. Hösch betrieb die Digitalisierung der umfangreichen Personenkartei Erik Amburgers zu Ausländer*innen im vorrevolutionären Russland, die am Osteuropa-Institut mit Drittmittelfinanzierung im Jahr 2000 erfolgreich zum Abschluss kam und im Weiteren zur Grundlage der Erik-Amburger-Suchdatenbank des Instituts und heute des IOS geworden ist. Im selben Jahr ergriff Hösch die Chance eines neuen Förderschwerpunkts der Deutschen Forschungsgemeinschaft, um gemeinsam mit Partnern wie dem zeitgleich von ihm geleiteten Südost-Institut Mittel für den Aufbau der „Virtuellen Fachbibliothek Osteuropa (ViFaOst)“ einzuwerben. In deren Rahmen konnten die verschiedenen bibliographischen und Informationsdienstleistungen des Instituts für die deutsche und die internationale Osteuropaforschung mit aktueller Datenbanktechnik ins Internet übertragen werden. Das Nachfolgeprojekt OstDok mit dem Ziel der Förderung des elektronischen Publizierens zum östlichen Europa läuft auch heute noch.

 

Seit der Wende von 1989/1991

Der Umbruch von 1989 brachte zunächst neue Nachfrage insbesondere nach den Leistungen der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung. So war in der Zeit der Transformation vor allem praktische Politikberatung zu leisten. In den wichtigen Jahren der Umgestaltung haben Mitglieder des Osteuropa-Instituts hier einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Geschehen genommen. Aufgrund ihrer Sprachkompetenz, der profunden Länderkenntnis und der Beschäftigung mit den Schwächen des sozialistischen Systems waren sie besonders gut in der Lage, gezielt ihr Fachwissen einzusetzen. Wissenschaftler*innen des Osteuropa-Instituts waren als Berater in Polen, Tschechien, Russland und insbesondere in der Ukraine tätig, aber auch für verschiedene Balkanstaaten. Oft genug hatten sie Zugang zur ersten Riege der Entscheidungsträger*innen. In dieser Zeit sind viele Kontakte neu entstanden und alte neu belebt worden. Im Bereich der wirtschaftswissenschaftlichen Aktivitäten am Institut selbst wurde das mit dem Aufgehen des Eisernen Vorhangs auch international wieder erwachte Interesse an Wirtschaftssystemen und deren Veränderungen schon 1991 zum Anlass genommen, das „Jahrbuch der Wirtschaft Osteuropas“ zu ersetzen durch die englischsprachige Fachzeitschrift „Economic Systems“, die als renommierte internationale Fachzeitschrift mittlerweile im Elsevier-Verlag erscheint und auch weiterhin am IOS herausgegeben wird.

Die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts markierten in zweifacher Hinsicht einen weiteren Wendepunkt. Die Osterweiterung der Europäischen Union im Mai 2004 beeinflusste das Themenspektrum der wirtschaftswissenschaftlichen Arbeit am Institut, in der nun Konvergenzen und Divergenzen der Entwicklungspfade in den Mittelpunkt rückten. Damit verbunden waren neue Themenfelder, wie die Übertragung technischen Wissens, die Verstärkung und Veränderung der Handelsströme zwischen Ost und West, Migration, die fiskalische Neuordnung im Zusammenhang mit der makroökonomischen Stabilisierung und dem Umbau der Sozialsysteme in den Transformationsländern sowie die Frage der Ausweitung der Eurozone, um nur einige zu nennen. Darüber hinaus wurde der Fokus ausgeweitet auf die Gesamtheit der Nachfolgestaaten der Sowjetunion, so dass sich das OEI nunmehr auch verstärkt mit dem in vielerlei Hinsicht sehr spannenden und von der deutschen Wissenschaft kaum bearbeiteten zentralasiatischen Raum beschäftigte.

Zum Zweiten fiel in diese Zeit die Streichung der quasi-institutionellen Förderung des OEI durch periodische Auftragsgutachten für Ministerien des Bundes. Als Reaktion darauf wurde – auch im Wege von Neueinstellungen – versucht, den zuvor aufgabenbedingt dominierenden deskriptiven Stil der ökonomischen Arbeiten durch methodisch anspruchsvollere Ansätze zu ersetzen und die Qualität der Forschung zu stärken. Dieser Wandel fiel – abermals – in die Zeit eines Generationenwechsels an der Spitze des Instituts: Von 2001 bis 2005 leitete Lutz Hoffmann das Institut; ihm folgten Joachim Möller und im Oktober 2007 Jürgen Jerger; alle drei waren zum jeweiligen Zeitpunkt bereits Professoren an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Regensburg. Die stärkere Nähe zur universitären Forschungslandschaft wurde auch durch neue Formate wie die jährlich stattfindende Sommerakademie und nicht zuletzt durch die gemeinsam mit der Universität Regensburg erfolgte Berufung des stellvertretenden Direktors des Osteuropa-Instituts, Richard Frensch, gesucht und gefunden.

Aber auch die weiterhin deutlich kleinere Historische Abteilung hat sich seit 1989 den Herausforderungen der Wende, der Transformation und der Globalisierung erfolgreich gestellt und verstärkt Archiv- und Literaturrecherchen vor Ort betrieben, die lange Jahre vorher so nicht möglich waren. Das Osteuropa-Institut wurde auf diese Weise beispielsweise zu einem der wenigen institutionellen Orte im deutschen Sprachraum, an denen ein Schwerpunkt der Forschung auf der Geschichte der Ukraine herausgebildet wurde.

 

Archivalien zur Geschichte des Osteuropa-Instituts (1952-2011):

Die Akten des Osteuropa-Instituts sind für die Geschichte der bundesdeutschen Osteuropaforschung ab den 1950er Jahren von hoher Bedeutung. Für die Forschung waren sie die längste Zeit aber kaum zugänglich, solange sie am Institut selbst bzw. dann am IOS verwahrt wurden, wo ähnlich wie an den meisten Institutionen dieser Art keine archivische Fachkenntnis bestand.

Diese Lage hat sich seit Anfang 2020 insoweit grundlegend geändert, als zu diesem Zeitpunkt ein Großteil der überlieferten Akten des Osteuropa-Instituts für die Zeit bis circa 1999 als Dauerleihgabe an das Bayerische Hauptstaatsarchiv (München) abgegeben wurde. Sie müssen allerdings durch die dortige Abteilung V (Nachlässe und Sammlungen) noch professionell aufgearbeitet werden und sind daher nur teilweise und nur nach Absprache mit dem Archiv schon benützbar. Ein vorläufiges Verzeichnis dieses Abgabebestandes finden Sie hier. Das Gleiche gilt für den bedeutenden Nachlass von Hans Koch, der Anfang 2020 mit den anderen Akten nach München abgegeben wurde und wegen Umfang und Bedeutung künftig einen eigenen Archivbestand bilden wird. Sein Vorverzeichnis finden Sie hier.

Vgl. auch für die unter Bibliotheksaspekten wichtigsten Nachlassbestände aus dem Umfeld des IOS „Archive und Nachlässe“.

Mehr zur Geschichte des OEI:

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